Das Focus Jarifa² 6.9 mit Bosch Update

„Das ist aber ein schönes Rad!“ – spricht mich ein Mann unvermittelt an. „Ähm …, danke!“, antworte ich etwas perplex. Auch wenn man als Bikeguide und Radreiseveranstalter häufiger mit Leuten über Bikes spricht, bekommt man solch ein Lob von Fremden nicht gerade täglich zu hören. Und dabei habe ich die aktuelle Auflage des bewährten e-Hardtailklassikers von Focus, das Jarifa² 6.9, gerade erst vor 30 Minuten von der e-motion e-Bike Welt Freiburg Süd zu Testzwecken zur Verfügung gestellt bekommen. Das fängt ja gut an …

Inhaltsverzeichnis

Voraussichtliche Lesedauer: 12 minutes

Das Focus Jarifa² 6.9 auf dem Papier

Das Focus Jarifa²  ist das klassische 29 Zoll, 100 mm Hardtail in der Focus e-MTB Modellpalette. „Animiert zur Alltagsflucht“ lautet der Slogan von Focus dazu. Mit seinem im Unterrohr integrierten, abnehmbaren 625 Wh Akku ist es wie gemacht für lange Touren – Pardon – „Alltagsfluchten“. Wer am liebsten überhaupt nicht mehr zurückkehren will, für den besteht die Option, zusätzlich ein Bosch 500 Wh Powerpack am Unterrohr anzubringen und damit die Gesamtkapazität auf unglaubliche 1125 Wh zu erweitern. Wir sagen dann mal „Tschüss“.  

Das Focus Jarifa² vor Holzscheiten

Das getestete 6.9 ist die Topausführung der aktuellen Jarifa Modellreihe. Für 3.799 € bekommt man durchweg hochwertige Komponenten, wie die Shimano XT 1×12 Schaltung, die Shimano MT 420 4-Kolbenbremse, die SR Suntour LOR Gabel, den Bosch Smartphone Hub und natürlich das Herzstück, den Bosch Performance Line CX Motor. Mit dem brandneuen 2021er 85Nm Softwareupdate, das einen dynamischen e-MTB Modus und „Extended Boost“ bietet, werden wir uns im Test gleich noch ausführlicher beschäftigen.

Wer die Einsatzmöglichkeiten im urbanen Raum oder auf Trekking-Touren erweitern will, hat die Option, Gepäckträger, Schutzbleche und Ständer anzubringen.

Die Updates des Bikes

Hardwareseitig ist im Modelljahr 2021 im Vergleich zum Vorjahr alles gleich geblieben. Stand der Bosch bislang schon mit seinen 75 Nm gut im Futter, wächst das maximale Drehmoment nun durch das Software-Update auf satte 85 Nm. Bosch verspricht mit seinem Update außerdem eine neue Abstimmung mit sensiblerem Ansprechverhalten und verbesserter Kontrolle sowie das neue Zauberwort „Extended Boost“. 

Die groben Daten zum Bosch Performance Line CX Gen. 4, mit dem MJ 2021 Software Update:

Max. Drehmoment: 85 Nm

Unterstützungsstufe:

Eco: 60%

Tour: 140%

eMTB: 140%-340%

Turbo: 340% 

Das Software Update gibt es jetzt für alle Gen.4 CX Motoren auch zum Nachrüsten und man kann zwischen dem dynamischen e-MTB Modus (140-340%) oder dem klassischen Sport Modus 240% wählen. Was ist dran an all diesen Neuerungen? Was ist spürbar und wie fühlt es sich an? Auf geht’s zur Testfahrt in den Schwarzwald!

Die wunderschöne Teststrecke

Blick beim e-Mountainbike Fahren

Meine Hometrails und Wege im Münstertal, die ich schon mit unterschiedlichsten Bikes gefahren bin, bieten perfekte Testbedingungen und gute Vergleichsmöglichkeiten. Mit dabei: der legendäre Etzenbacher Höhenweg im Münstertal. Insgesamt bietet die Strecke auf einer Gesamtlänge von 12 km zwischen Staufen und dem Schauinsland, mit rund 1000 Höhenmetern / Tiefenmetern alles, was es braucht, um ein e-MTB und seinen Antrieb auf Herz und Nieren zu testen: Asphaltierte Radwege, einfache Forstwege, Naturwege, Schotterwege, Trails von leicht bis schwer, Wurzelfelder, Steinfelder, Steilstücke bergauf und bergab. Einen fantastischen Ausblick auf die Bergwelt des Südschwarzwaldes, die Vogesen und das tief unten liegende Rheintal gibt es gratis dazu.  

Mit voll geladenem Akku mache ich mich mit dem Jarifa, von meinem Wohnort in der Rheinebene aus, auf in das 8 km entfernte Münstertal. Die Transferstrecke auf teils asphaltieren, teils unbefestigten Radwegen mit Steigungen im unteren, einstelligen Bereich absolviere ich im Turbo Modus. Der Bosch CX schiebt direkt bärenstark an. Schon auf den ersten Metern wird klar, wieso sich das Jarifa² auch für Berufspendler, oder Trekking Tour Freunde eignet. Man sitzt perfekt integriert, kompakt und zentral im Bike und fühlt sich sofort wohl. Die Geometrie (Stack 656 mm / Reach 440 mm), der +35° Vorbau, wie auch der bequeme Ergon ST10 Sattel – alles ist auf Komfort ausgelegt, nicht auf Race. Die Rahmengröße L passt zu meinen 183 cm wie ein Maßanzug. Angenehm fällt mir das geringe Abrollgeräusch der Schwalbe Smart Sam Reifen auf Asphalt auf.

Der Belchenradler auf dem Focus Jarifa²
Der Blick vom Focus Jarifa²
POV auf dem Focus Jarifa²


Bevor auf der Sonnhalde ein fantastischer Rundumblick auf die Bergwelt des Südschwarzwaldes als Belohnung wartet, führt der Etzenbacher Höhenweg in einem stetigen Auf und Ab mit steilen Rampen und kurzen Abfahrten über zahllose Wurzelfelder, wo immer wieder der Extended Boost dabei hilft, über die Hindernisse zu kommen. Mit dem e-MTB Modus kann man sich voll auf den Trail konzentrieren, ein Wechsel der Fahrstufen ist nicht mehr nötig. Er ist der perfekte Trail-Mode für Uphill Flow.

Was kann der Extended Boost?

Angekommen im Münstertal geht es nun auf den Talweg. Fahrtechnisch nicht wirklich anspruchsvoll, aber schon echtes Mountainbike-Terrain. Ich wähle den e-MTB Modus. Auf dem Naturweg mit welligem Höhenprofil finden sich Steine und Wurzeln, in einer kurzen Passage hinter einer Kurve wird es plötzlich stufig und felsig. Würde ich hier einfach weiter pedalieren, würde ich unweigerlich mit Pedal oder Kurbel aufsetzen. Hier kommt der „Extended Boost“ zum Einsatz. Ein kurzer Pedalkick vor der Felsstufe und der Motor-Schub wird gerade soweit verlängert, dass ich problemlos mit waagrechten Pedalen über die Stufe komme. 

Das Focus Jarifa² im Schwarzwald

Ein großes Lob! Die Abstimmung vom Extended Boost ist Bosch ganz hervorragend gelungen. Hier erkennt man deutlich die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Ingenieuren von Bosch und e-MTB-Profis wie Stefan Schlie und Julien Absalon. Bei vielen e-MTB Fahrern läuten die Alarmglocken, wenn sie an Nachlauf denken, aber hier wird kein Raketenantrieb gezündet, der einen in den Abgrund katapultiert. Der Extended Boost ist gut kontrollierbar. Um ihn zu aktivieren braucht es schon einen richtigen Impuls mit einer viertel bis halben Kurbeldrehung. Wer also nur trialmäßig im Trackstand etwas auf den Pedalen tippelt, um sich auf die nächste Schlüsselstelle vorzubereiten, läuft keine Gefahr, den Extended Boost unabsichtlich zu aktivieren. Auch wirkt der Extended Boost nur sehr kurz und leicht. Er ist aber gerade noch so stark, dass er dem systembedingten Mehrgewicht von e-MTBs, wenn man zu pedalieren aufhört, entgegenwirkt.

Steil, steiler, Sonnhalde

Die nächsten Kilometer führt mich meine Testrunde mit dem Focus Jarifa² auf teilweise extrem steile Pfade Richtung Sonnhalde auf über 1000 m Höhe im oberen Münstertal. Wenn man keine Kühe mehr auf den Weiden sieht, weiß man auch als e-MTB Fahrer, dass das Terrain einem fahrtechnisch alles abverlangt, will man nicht mit durchdrehendem Hinterrad steckenbleiben.  

Smart Sam Reifen am Focus Jarifa²

Ich habe gewisse Zweifel, ob mein schmaler, 2,25 Zoll breiter Schwalbe Smart Sam, den ich noch gerade für seine Laufruhe auf Asphalt gelobt habe, in diesem Terrain die richtige Wahl ist. Nennenswerte Stollen, die sich richtig in den Untergrund beißen, hat er nicht vorzuweisen. Jetzt muss alles passen.

Mit dem Körperschwerpunkt tief und zentral im Bike „in den Lenker beißen“ lautet die Devise, damit einerseits das Vorderrad nicht steigt, anderseits noch möglichst viel Gewicht auf das Hinterrad kommt. Ganz entscheidend ist jetzt eine Unterstützungsstufe, die möglichst sensibel und variabel auf den Pedaldruck reagiert. Nur viel Leistung alleine hilft nicht. 

Der neu abgestimmte e-MTB Modus passt sich mit seiner variablen Unterstützung von 140-340 % perfekt an schnell wechselnde Untergrundbedingungen an. Er lässt sich viel feinfühliger dosieren als der Turbo Mode. Ich kann nicht sagen, wie viel Anteil die neue Antriebssteuerung mit seiner Sensorik und dem 32-Bit-Prozessor, der über 1000 Messungen pro Sekunde macht, daran hat, aber ich konnte tatsächlich alle Anstiege fahren, mit auffällig wenig Schlupf.

Mit dem Focus Jarifa² in Erinnerungen schwelgen

Das Focus Jarifa² in Action

Nach einer kurzen Pause auf der Sonnhalde (mit kleinem Fotoshooting für den Bericht), geht es nun überwiegend auf Trails – 800 Tiefenmeter zurück Richtung Staufen. Dass ein Hardtail mit mageren 100 mm Federweg bergab über Wurzel- und Steinfelder keine Waffe ist, dürfte klar sein. Ich mag dennoch Hardtails, denn sie fordern den Fahrer und sie erinnern mich an die Zeit, wo alles angefangen hat und man noch nicht das Gefühl hatte, für jedes spezielle Einsatzgebiet ein extra Bike zu benötigen. 

Einfach über alles drüberbügeln ist nicht mit einem Hardtail. Es braucht gute Linienwahl und viel Körpereinsatz, getreu dem Motto „Arme und Beine sind der beste Federweg“. Die Suntour Raidon LOR Gabel ist simpel im Setup, arbeitet aber feinfühlig und bietet ausreichend Progression zum Ende hin. Klar würde ich mir heute etwas mehr Federweg wünschen. 

Sobald die Trails aber weniger ruppig und dafür verspielter werden, mit engen Kehren etc., ist das Jarifa²  ist mit seinem 69° Lenkwinkel wieder in seinem Element und dabei so wendig und agil wie ein Wiesel, dass es einem unwillkürlich ein Grinsen ins Gesicht zaubert. Für hohe Agilität sorgen außerdem das niedrige Gewicht (22,0 kg, Gr. L, ohne Pedale) und dieses typisch direkte Ansprechverhalten, wie man es nur von Hardtails kennt. Limitierend bergab ist der geringe Grip auf dem Vorderrad und die fehlende Möglichkeit, den Sattel schnell abzusenken.

Am Ende meiner Testfahrt hat mein Akku nach rund 40 km / 900 hm noch gut 30 % Restkapazität, und so entschließe ich mich, noch schnell einen Abstecher zum nahe gelegenen See zu machen, um den schönen Tourentag mit einem erfrischenden Bad zu beenden. Aber natürlich nicht, ohne nochmal den Extended Boost an einer 40 cm Stufe am Seeufer zu genießen …

Das Bosch CX 2021 Software-Update

Das neue 2021 Software-Update für den Bosch CX überzeugt auf ganzer Linie und der e-MTB Modus ist dabei mein persönlicher Favorit.

Vor allem beim Anfahren im niedrigen Drehzahlbereich und bei hohen Kadenzen ist der Drehmomentgewinn von +10 Nm spürbar. Klar, dass es damit nun auch etwas schneller den Berg hochgeht, wie die Jungs von „EMBN“, unter realistischen Testbedingungen, schon messbar belegen konnten.

Bosch Performance Motor am Focus Jarifa²

Wichtiger als der Gewinn einiger Sekunden am Berg sind für mich aber die anderen Neuerungen, wie das feinfühligere Ansprechverhalten und mehr Traktion, durch einen überarbeiteten e-MTB Modus. Und natürlich der „Extended Boost“. Auch wenn die Grundidee nicht ganz neu ist, so funktioniert sie. Schön, wenn deutsche Ingenieurskunst in Zusammenarbeit mit Vollblutmountainbikern zu solchen Resultaten führt.

Mein Fazit zum Focus Jarifa²

Die cleane Optik gefällt mir außerordentlich gut. Das Jarifa² wirkt sportlich, elegant im Design und in der Farbwahl. Die hellwandigen Reifenflanken bilden einen schönen Kontrast zur Rahmenfarbe und erinnern mich irgendwie immer an die Olympia Rennfeile von Nino Schurter.  „Ja, es ist ein schönes Rad!“ Für meine Art von Touren würde ich mir noch bereitere Reifen wünschen. Außerdem eine absenkbare Teleskop-Sattelstütze oder zumindest einen Schnellverschluss. Die Ergon GP10 Griffe sind ebenfalls Geschmacksache. Da ich meine Postion im Bike häufig verändere, bevorzuge ich Griffe, die variablere Griffpositionen erlauben. 

Bild des Belchenradlers neben dem Focus Jarifa²

Das Bike besitzt gute Klettereigenschaften und fährt sich sehr bequem. Last but not least: Ein tolles e-Hardtail für Tourenfahrer, das weit mehr kann als man glaubt. 

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